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Aus KatanaWiki

Türen
Autor: Mark de Boer
Autor: Lew Sulik
Anfangssternzeit: 63366.16
Endsternzeit: 63366.90
Anfangsdatum: 14.05.2386, 15:34
Enddatum: 14.05.2386, 22:04


Als das kleine Raumgefährt aus der Warpgeschwindigkeit zurück in den Impulsantrieb fiel, setzte er sich mit einem einfachen Manövern hinter das Geschwader und es bedurfte nur weniger verbaler Anweisungen über Subraum um der Gruppe den Rückweg zum Heimatschiff zu befehlen. Der Rest war ein einziges Schweigen im Funkkanal bis die Gruppe aus Attac-Fightern der Spitfire-Klasse und des Azrael-Typs die USS Katana erreicht hatte und ab da an übernahm ohnehin die dortige Flugkontrolle die Koordinierung des weiteren Landeanflugs der beiden Jagdstaffeln. Dann verringerte Lieutenant Commander Lew Sulik die Geschwindigkeit seines Jägers noch weiter und schaltete dann gegen alle Sicherheitsvorkehrungen die Trägheitsdämpfer seiner kleinen Maschine ab um so die von ihm so geschätzten Fliehkräfte bei seinen Flugmanövern spüren zu können. Bei Impulsgeschwindigkeit und erst Recht bei Warp wäre dies ein tödlicher Leichtsinn gewesen, aber bei unter 1000 Kilomenter pro Stunde in einer weiten Warteschleife um das heimatliche Schiff herum noch ein kalkulierbares Risiko. Aus seinem Cockpit beobachtete er wie die anderen dreiundzwanzig Attac-Fighter seines Geschwaders nach einander durch das große Tor von Hangar 2 verschwanden bis auch endlich er an der Reihe war und seinen Landebefehl vom Kontroll-Tower der Katana erhielt. Mehr aus Eitelkeit als denn aus echter Notwendigkeit steuerte Lew seine Spitfire manuell in den Landeanflug und bestimmte bis hin zum Ausfahren des dreibeinigen Landegestells jedes Detail des Manövers selbst.

Wie üblich ließ er zunächst alle Systeme der Maschine herunterfahren und checkte selbst jede Kleinigkeit seines Fluggefährts. Als er damit fertig war löste er wie gewohnt die Gurte und setzte seinen Helm ab. Erst als sich auf einen Knopfdruck hin das Cockpitfenster zischend öffnete fiel die professionelle Konzentration von ihm ab. In diesem Moment fuhr ihm schlagartig die Wut durch alle Glieder und über jegliches Geräusch des Hangars hinweg fluchte er: „So ein verquarzter Kometenhagel!“

Als er die bereitgestellte Leiter hinunter stieg murmelte Lew noch weitere Flüche vor sich hin. Es waren sein Wingman Ian Piace und der Staffelführer Mark de Boer die während dessen an ihn herantraten. Mark nickte mit dem Kopf hinüber zum Ausgang zum Besprechungsraum des Geschwaders führte: „Manövernachbesprechung?“ „Was gibt es denn da noch zu besprechen?“, gab der Geschwaderführer mit bissiger Ironie zurück: „Das war ganz großer Mist da draußen! Wir haben das Manöver mit Pauken und Trompeten verloren! Punkt. Aus. Ende!“ „Ja schon...“, wandte Lieutenant Pace ein: „...aber bisher haben wir doch jedes Manöver in allen Einzelheiten nach besprochen.“ „Ach hör mir auf! Wir wissen doch alle woran es liegt.“, winkte Lew ab, als sie den Weg zu einem andern Ausgang nahmen: „Morgen müssen wir uns bei der Gesamtanalyse des Flottilen-Manövers sowieso jede Einzelheit anhören. Das reicht mir schon vollkommen...“


Die Tür schloss sich hinter Tessa, die sich erst einmal gegen die Wand fallen ließ und tief ausatmete. „Was für ein Scheißtag!“, murmelte sie müde und zog ihre Jacke aus. Sie sehnte sich nur noch nach einem heißen Bad und dem Bett. Sie schloss die Augen und genoss die Stille in ihrem Quartier. Schließlich seufzte sie, ging ins Badezimmer und drehte das Badewasser auf. Schwerfällig zog sie sich aus und betrachtete sich im Spiegel. Die ersten blauen Flecken konnte sie jetzt schon erkennen. Sie rieb sich die schmerzende Schulter, die sie sich im Training böse angestoßen hatte, als sie einem simulierten Jaffa ausgewichen war. Sie stieg in die Wanne und genoss die Hitze des Wassers. Sie tauchte komplett unter und lauschte den dumpfen Geräuschen, die perfekt zu ihrem wattigen Gefühl in ihrem Kopf passten. Sie schloss die Augen und versuchte, einfach nur weg zu sein. Der Tag war wirklich nicht ihr Freund gewesen. Am liebsten würde sie ihn einfach aus ihrem Kopf waschen. Als die Lungen anfingen zu brennen, tauchte Tessa wieder auf. Sie atmete tief durch und ließ den Tag nochmal Revue passieren. Beim Training heute hatte sie sich wie eine blutige Anfängerin verhalten. Nicht ein einziges Mal war ihr in den Simulationen das gelungen, was sie tun sollte. Jedesmal war das Bravo-Team aufgrund ihres Fehlers entdeckt und liquidiert worden. Es war so schlimm, dass T’Clea sie irgendwann in die Nachhut gesteckt hatte. Und selbst da hatte sie es geschafft, ihr Team zu verraten. Sie war nur froh, dass es nur Simulationen waren und kein echter Einsatz. Und beim Nahkampftraining war sie in jede Finte von Sato gelaufen, die er ihr gestellt hatte. So dämlich hatte sie sich seit… wie lange?... nicht mehr angestellt? Seit ihrer Ausbildung wahrscheinlich. Tessa schüttelte den Kopf. „Was war heute nur los?“, fragte sie sich. Sie war so unkonzentriert. Wurde sie krank? Das würde es vermutlich erklären. „Du weißt, was los ist.“, flüsterte eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Ja, das wusste sie tatsächlich oder ahnte es zumindest. Aber bislang hatte sie sich nicht damit auseinandersetzen können. Oder wollen?! Tessa seufzte. Das Training verlief ganz gewöhnlich, bis… ja, bis Black verkündet hatte, dass zukünftig ein Cardassianer an Bord Dienst tun würde. Unmut war sofort laut geworden, aber Tessa hatte sich wie vor den Kopf gestoßen gefühlt. Ein Cardassianer auf der Katana! Und dann noch als Offizier! Deren Skrupellosigkeit war ja weithin bekannt. Und Tessa wusste, dass es stimmte…


12. März 2374, Haifa, Erde

Tessa lief die Treppe herunter, als es an der Tür klingelte. „Ich geh schon!“, rief sie, aber ihre vorwitzige Schwester war schneller. „Hallo Dr. Matthews.“, begrüßte sie Tessas Kollegen. Nein, Kollege traf es nicht. Er war mehr als das. Seit einem halben Jahr trafen sie sich auch privat, aber das durften ihre Eltern nicht wissen. Tessa grinste dümmlich, als sie Sam sah. Er war ein stattlicher Mann. Groß, gebildet, weltgewandt, erfolgreich. Er war der 1. Assistent von Professor Pierre Bertrand. Er war so sehr ihr Traummann, dass sie sich ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen wollte. Und sie wusste sehr wohl, dass sie ihre Assistenzstelle ihm zu verdanken hatte. Sie war eine gute Studentin gewesen, aber sie war nicht so vermessen, nicht zu wissen, dass sich nicht mindestens ein Dutzend bessere Studenten ebenfalls um die Assistenzstelle beworben hatten. Ohne Sam hätte sie die Stelle nicht bekommen. Das wussten auch die zwei anderen Assistentinnen des Lehrstuhls. Und sie ließen kaum eine Gelegenheit aus, sie das spüren zu lassen. Tessa versucht einfach, den beiden Hexen so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Dies würde sich in den nächsten vier Monaten aber als ziemlich unmöglich darstellen. „Tessa, sind Sie startklar für die Expedition?“, fragte Sam sie, während er Yaels Fragen beantwortete. Tessa scheuchte ihre Schwester davon. „Ich bin aufgeregt.“, flüsterte sie leise, als sie allein waren. „Ich hoffe, ich enttäusche euch nicht.“ Sam nahm Tessas Hand. „Mach dir keine Gedanken. Du bist eine hervorragende Geologin. Und diese Expedition wird eine wunderbare Erfahrung für dich werden.“ Er küsste sie sanft, was ihr einen wohligen Schauer den Rücken herunter jagte. Zärtlich drückte sie seine Hand. Als sie ihre Mutter hörte, ließ sie hastig los. „Kind, muss denn das sein? Es ist Krieg. Und du willst jetzt wirklich irgendwelche Planeten untersuchen?“ Tessa verdrehte die Augen. „Immâ… ich bin Geologin, keine Soldatin. Mir passiert schon nichts. Außerdem ist das eine große Chance für mich. Das weißt du doch.“ „Ja, aber ich will meine Tochter nicht irgendwo im Dschungel alleine lassen.“ „Misses Goldenburg…“, schaltete sich Sam Matthews ein. „Professor Bertrand ist ein erfahrener Geologe. Er würde niemals seine Mitarbeiter in Gefahr bringen. Er hat sich im Vorfeld bei der Sternenflotte erkundigt. Lyshan IV ist strategisch uninteressant für Cardassia und das Dominion. Es besteht also kein Grund zur Sorge.“ Er warf Tessas Mutter eines dieser sonnenwarmen Lächeln zu, der sich auch Shira nicht entziehen konnte. Ihre Züge entspannten sich. Es folgte eine tränenreiche Umarmung mit ihrer Tochter. „Shira, lass mir noch etwas von meiner Tochter übrig.“ Ariel, ihr Vater, stand im Flur. „Abba!“ Tessa warf sich ihm in die Arme. „Pass auf dich auf, meine Kleine. Und zeig Ihnen, was in dir steckt.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Er ging auf Sam zu, schüttelte ihm die Hand und sah ihm fest in die Augen. „Achten Sie gut auf meine Tochter. Ich will nicht noch ein Kind in diesem unsäglichen Krieg verlieren.“ Sam hielt den Blick und nickte stumm. Dann nahm er Tessas Tasche. „Lassen Sie uns aufbrechen, Tessa.“ Sie nickte und verabschiedete sich schnell von Yael.


Gegenwart

Tessa schüttete sich eine Handvoll Badewasser ins Gesicht. „Sam Matthews… an ihn habe ich ja schon ewig nicht mehr gedacht. Ein Cardassianer und die alten Geister stehen wieder auf.“, dachte sie melancholisch.


Im Diners der Katana saß das gefürchtete Quartet – bestehend aus Lew Sulik, Ian Paice, Mark de Boer und Kjetil Skorgan – enttäuscht um einen Tisch und jeder starrte Gedankenverloren in sein Glas vor sich. Es war der Geschwaderführer der das Schweigen als erstes wieder durchbrach und mehr in sein Glas mit Irish Stout hinein raunte als zu seinen Kollegen: „Seit die anderen Geschwader die neuen Spitfire-Modelle der D-10er-Baureihe haben, sind wir bei jedem Manöver in Warpgeschwindigkeit haushoch unterlegen! Die schaffen Warp 7. Da gewinnen wir noch nicht mal mehr den intergalaktischen Blumentopf im Schönwetterfliegen!“

„Was sollen wir dann sagen?“, erwiderte lakonisch und eben so vor sich hin starrend Mark de Boer: „Die anderen Wings haben die neuen Azrael-Typ X-03. Mit Warp 5 hängen die uns schon ab, da sind wir noch auf den Anflug auf das Ziel...“

„Wie oft hast du die Weiterentwicklungen unserer Fighter für unsere Geschwader nun schon beantragt?“, wollte Ian Paice wissen und Lew antwortete wortlos in dem er seine Hand hoch hielt und seine fünf Finger gut sichtbar in die Höhe streckte. Es war jedoch Kjetil der nachhakte: „Die können uns doch nicht auf den alten Modellen sitzen lassen? Was sagt denn der Captain dazu?“

„Der würde sogar mit machen, auch wenn er selbst jetzt nicht unbedingt die aller neusten Versionen unserer Jäger haben müsste.“, gab der Anführer der Jagdpiloten der Katana von sich und als er doch von seinem Bier aufschaute und sich auf seinem Stuhl nach hinten lehnte, seufzte er: „Aber man könnte meinen, dass das Oberkommando seit unserer Aufstockung zum Geschwader jegliche weitere Investition in die Attack-Fighter-Technik für das Katana-Projekt gestrichen hat.“

„Tja, anfangs war das hier noch ein Versuchsprojekt mit Symbolcharakter.“, erklärte sich Mark diesen Umstand: „Aber seit nun mehrere Schiffe Attac-Fighter zugeteilt bekommen haben...“ „...sind wir für zuständige Abteilung im Oberkommando nur noch ein Geschwader von vielen...“, vervollständigte Ian den Gedankengang und Kjetil legte nach: „...das man gegenüber neuen Projekten getrost vernachlässigen kann!“ „Meine Herren!“, schloss Sulik ab: „Ich sehe, sie haben verstanden! In diesem Sinne, darauf dass wir in Zukunft das Gespött der ganzen Flottille werden!“

Die drei hoben mit sarkastischen Minen ihre Gläser und wollten gerade ansetzen, als eine näher kommende Stimme verkündete: „Darauf würde ich an eurer Stelle noch nicht trinken!“

Lew schaute auf und sah seine Freundin Natalie Bardal. Er vergrub das Gesicht in den Händen und seufzte. Sie war gerade die Person die er nun am allerwenigsten sehen wollte in seiner Stimmung. Doch zu seiner und aller Verwunderung warf sie den vier ein PADD auf den mit Biergläsern zugestellten Tisch. Die Technikerin des Geschwaders zeigte auf eine technische Abbildung auf dem Display und verkündete selbstsicher: „Ich kann alle eure Maschinen auf 7,1 Marschgeschwindigkeit oder noch höher updaten. Damit hängt ihr sogar die neuen Modelle der Kosciuszko und der vonSteuben ab!“

Die drei schauten abwechselnd ratlos auf das PADD auf ihrem Tisch und Natalie Bardal die mit in die Hüften gestützten Armen sowie einem überlegenen Lächeln daneben stand. Dann konnte Lew Sulik nicht mehr an sich halten und mit einem irren Lachen kommentierte er: „Du willst also ganz allein das Problem lösen an dem sich sonst ganze Konstruktionsbüros herumschlagen?“

Der Gesichtsausdruck Natalies verriet daraufhin nicht nur gekränkten Technikerstolz, mit zusammengekniffenen Augen fixierte sie ihren Freund mit einem bösen Blick. Die Eiseskälte die sich nun wie ein Tuch über die Szenerie zu decken schien, lies alle am Tisch verstummen. Nur Lew verstand zu nächst nicht, bis auch bei ihm der Groschen fiel und ihm nur noch ein verlegenen „Oh“ von den Lippen kam. Der Segen zwischen beiden hing mal wieder schief.


25. April 2374, Lyshan IV

Tessa wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Soeben hatte sie die sechste Steinprobe des Tages ins Lager gebracht. Wie befürchtet hatten sich Maria Shanning und Chloé Laurent als echte Drachen erwiesen. Als jüngstes Mitglied war sie vor allem für Zuarbeiten zuständig, und die beiden nutzten das schamlos aus. Und hier konnte Sam leider auch wenig für sie tun. Zu sehr war er mit seinem Aufgabenbereich beschäftigt. Und allzu viel Zeit hatten die beiden für sich leider auch nicht. Dafür verbrachte die gesamte Gruppe zu viel Zeit auf engstem Raum. Außerdem wollte Sam nicht, dass Professor Bertrand etwas von ihrer Affäre erfuhr. „Goldenburg. Wo bleibst du?“, hörte Tessa Chloé rufen. Sie hasste es, von den beiden so behandelt zu werden. Aber sie war zu frisch dabei, um sich wirklich wehren zu können. Und die beiden waren schlau genug, nicht zu weit zu gehen. „Goldenburg!“ „Ja, ich komme ja…“ Tessa lief schnell den Pfad hinunter. Chloé erwartete sie schon mit in die Hüften gestemmten Fäusten. „Wir sind hier nicht auf der Akademie, wo man sich ausruhen kann. Wir haben einen engen Arbeitsplan und keine Zeit, ständig auf dich zu warten!“ Tessa verkniff sich eine Antwort, sondern sah die andere Frau nur grimmig an. Diese setzte gerade zu einer neuen Schimpftirade an, als rings herum Cardassianer aus den Gebüschen traten und ihre Phasergewehre auf die beiden Frauen richteten. „Sie sind in Cardassianischen Raum eingedrungen und werden sich der Spionage verantworten müssen.“ Chloé schlug entsetzt die Hände vor den Mund und fing an zu wimmern. „WirsindkeineSpionewirsindkeineSpionewirsindkeineSpionewirsindkeineSpione!“ Einer der Cardassianer schlug sie k.o. Tessa sah die Männer wütend an. „Wir sind Geologen. Wir haben mit diesem Krieg nichts zu tun.“ „So so… Geologen der Föderation, die rein zufälligerweise während des Krieges in Cardassianischen Raum eindringen und Forschungen anstellen? Für wie dumm halten Sie uns? Nehmt sie mit.“ Zwei Cardassianer packten Tessa, die sich heftig wehrte, bis ihr jemand einen Gewehrkolben in den Nacken schlug und Tessas Welt im Dunkeln versank.


13. Mai 2374, Lyshan IV

Tessa konnte kaum die Augen offen halten. Seit schätzungsweise 100 Stunden hatte sie nicht mehr geschlafen. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Anfangs hatten sie das Adrenalin und purer Wille aufrecht gehalten. Durch die Befragungen, die Einschüchterungen, die Drohungen, die Angst. Dann hatten sie ihr irgendwelche Drogen gegeben. An diese Phase konnte sie sich nur noch bruchstückhaft erinnern. Sie wusste nicht, was mit ihr geschehen war oder wie lange sie mit Drogen vollgepumpt worden war. Danach hatten sie ihr den Schlaf entzogen. Immer wieder wurde sie am Einschlafen gehindert. Sie fühlte sich zerschlagen, und ihr Körper sah auch so aus. Sie hatte blaue Flecken, einige Wunden und Schnitte. Sie wusste nicht mehr, was passiert war. Ob sie gefoltert worden war oder sich die Verletzungen selbst zugefügt hatte. Sie konnte sich an Schreie erinnern. Ihre eigenen? Oder die der anderen? Sie wusste es nicht. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie Wahnvorstellungen hatte oder alles real war. Sie hatte die anderen seit Tagen nicht mehr gesehen. Sie wusste nicht, ob sie noch am Leben waren. Sie wusste nur noch, dass sie sich wünschte, es nicht mehr zu sein. Sie versuchte, sich an ihre Familie zu erinnern. Der einzige Gedanke, der ihren Lebenswillen noch aufrecht erhielt. Ein zweites Kind verlieren… ihre Eltern würden das nicht überleben. Eine heftige Ohrfeige holte sie aus ihrer Gedankenwelt heraus. Sie hörte eine männliche Stimme sprechen, konnte den Lauten aber keine Bedeutung entnehmen. Eine weitere Ohrfeige, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Mühsam blickte sie auf und starrte verständnislos in das Gesicht eines Cardassianers. Ihre Gedanken ordneten sich sehr schwerfällig. „Wenn Sie die Spionage gestehen, wird es Ihnen besser gehen. Sie müssen nur…“ Tessa spürte träge eine Erschütterung und hörte Lärm und Geschrei. Es dauerte einen Moment, bis Tessa diesen Lärm als einen Kampf identifizierte. Aber dann war sie sich sicher. Draußen fand ein Kampf statt. Ein zweiter Cardassianer trat in ihr Blickfeld und rief dem ersten etwas zu. Die beiden zückten ihre Waffen und gingen hinter zwei Tischen in Deckung. Tessa war für diesen Moment völlig unwichtig für sie. Und so sah Tessa eine kleine Chance, die sie sofort nutzte. Sie beugte sich in dem Stuhl, an dem sie gefesselt war, nach vorne und sprang in kleinen Seitwärtsbewegungen auf den rechten der beiden Cardassianer zu. Bevor dieser realisierte, was sie vorhatte, warf sie sich schon mitsamt dem Stuhl auf ihn und brachte ihn zu Fall. Dabei zerbrach der Stuhl und befreite Tessa aus ihren Fesseln. Instinktiv nahm sie die Armlehne und schlug damit den Cardassianer bewusstlos. Sie nahm den Disruptor des Mannes an sich und feuerte unkontrolliert in die Richtung des anderen Mannes. Und auch wenn sie sich mit Waffen nicht auskannte, reichte es doch, dass der zweite Cardassianer sich in Deckung bringen musste. Wild feuernd lief sie zur Tür. Ein Disruptorstrahl begleitete sie aus dem Raum, verfehlte sie jedoch. Mit letzter Kraft lief sie den Flur entlang, stolperte mehr als dass sie rannte. Sie fiel hin, verlor den Disruptor, stand auf und lief weiter. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und wohin sie fliehen sollte. Sie hörte den anderen Cardassianer hinter ihr aufholen. Sie rannte so schnell sie konnte, aber nicht schnell genug. Der Cardassianer packte sie an der Schulter und riss sie zurück. Tessa schrie auf, frustriert, so kurz vorher zu scheitern. Wut übermannte sie, und sie nutzte den Schwung, den er ihr gab. Sie drehte sich um und schlug dem Cardassianer mit voller Kraft die Faust ins Gesicht. Dieser war total überrascht und fiel wie ein Baum. Tessa war jetzt so voller Adrenalin, dass sie sich auf ihn stürzte und ihm immer wieder ins Gesicht schlug. Sie schrie sich dabei mit jedem Schlag die Strapazen und den Hass aus dem Leib. Sie wurde gepackt und zurückgerissen. Sie schrie und wehrte sich. Strampelte mit den Beinen. „Miss... Es ist alles in Ordnung! Sie sind jetzt in Sicherheit! Miss! Wir werden Sie nach Hause bringen... Wir sind von der Sternenflotte!“ Es dauerte einen Moment, bis die Worte durchdrangen. Sicherheit. Sternenflotte. Hause. Aber dann verschwand jegliche Kraft aus ihr und sie brach zusammen.


Sie kam im Shuttle wieder zu Bewusstsein, das sie von Lyshan IV wegbrachte. Sie war unendlich müde. Sie sah sich um. Neben ihr saßen Sam und die anderen. Chloé wimmerte ununterbrochen, während Maria mit leerem Blick dasaß. Am meisten schockierte sie aber Sams Verfassung. Neben ihr saß ein gebrochener Mann, der bei der kleinsten Berührung zusammenzuckte. Als sie ihr eigenes Spiegelbild in einer Schalttafel erblickte, war sie überrascht. Es blickte sie eine junge Frau mit wildem Blick an.

27. August 2374, Erde

Tessa fühlte sich seltsam lebendig. Nach der Zeit im Gefangenenlager hatte sie recht schnell wieder mit der Arbeit begonnen. Aber es füllte sie nicht mehr aus. Sie spürte, dass sie keine Wissenschaftlerin mehr war. Was immer in dem Gefangenenlager mit ihr passiert war, es hatte sie verändert. In den Minuten des Kampfes fühlte sie sich lebendiger als zuvor. Die Welt von Sam und den anderen war ihr fremd geworden. Und auch Sam hatte sich mehr und mehr verschlossen. Er war ebenfalls zu einem anderen Menschen geworden. Er wich ihr aus, vermied jede Berührung und wollte auch nicht über das reden, was auf Lyshan IV passiert war. Er hatte sie aus seinem Leben verbannt. Und so hatte sie einen Entschluss gefasst und ihre Assistenzstelle bei Professor Bertrand gekündigt. Es war ein großer Schritt, aber sie wusste, es war das richtige. Tessa blickte in den sonnenklaren Himmel und atmete tief ein. Sie nahm ihre Tasche und betrat das Ausbildungsgebäude der Elite Force.


Gegenwart

Tessa stieg aus der Wanne. Das Wasser war mittlerweile kühl geworden. Ihre Gefühlswelt war ziemlich durcheinander geraten. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass ein Cardassianer an Bord kommen sollte. Cardassianer hatten ihr Schreckliches angetan. Aber gleichzeitig hatte sich eine neue Tür geöffnet. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sah sie sich mit der Vergangenheit konfrontiert und sie wusste nicht, wie sie das Alles einordnen sollte. Sie öffnete einen Kommunikationskanal. „Mark, bist du noch wach? Ich brauche dich…“


©2003 RPG Leadership USS Katana Diese Seite wurde zuletzt am 20. Januar 2015 um 19:17 Uhr geändert.